Anschlag Breidscheidplatz: Hinterbliebene bekamen Rechnung für die Obduktion der Toten

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Am 19. Dezember jährt sich der Terroranschlag vom Berliner Breitscheidplatz. Was ist von einer Regierung zu halten, die es bis heute nicht vermocht hat, den Angehörigen der Opfer ihre Anteilnahme zu zeigen?

Ende Juli erhielt die Sprecherin der Hinterbliebenen der Opfer des Terroranschlags vom Berliner Breitscheidplatz eine Anfrage vom ZDF, ob sie als Gast in die Sendung “Klartext, Frau Merkel!” kommen wolle, um der Kanzlerin ein paar Fragen zu stellen. Wenn man nach einem Anschlag das Gefühl habe, “von Politik und Behörden alleingelassen zu werden, wird das Leid wohl noch viel größer”, stand in dem Schreiben des Senders.

Astrid Passin, so heißt die Sprecherin, sagte zu. Sie hatte in der Tat ein paar Fragen an die Kanzlerin. Es gab auch einen Vertrag. Aber wenige Stunden vor Aufzeichnung der Sendung erhielt sie einen Anruf der Redaktion, sie solle doch nicht kommen. Es hätte nach der zwei Tage zuvor ausgestrahlten Sendung “Klartext, Herr Schulz!” Probleme gegeben, hieß es zur Begründung. Einige Gäste seien anschließend in sozialen Netzwerken attackiert worden, das wolle man ihr ersparen.

Frau Passin hätte die Anfeindungen in Kauf genommen, das ließ sie auch den zuständigen Redakteur wissen. Das ZDF beharrte trotzdem auf der Ausladung. Die Entscheidung sei gefallen, da könne man nichts mehr machen.

Eine Rechnung für die Obduktion der Opfer

Was einem den Atem raubt, ist die nahezu völlige Abwesenheit von Anteilnahme auf Seiten eines Staates, dessen Versagen dazu beitrug, dass der Attentäter trotz deutlicher Hinweise auf seine Absichten mehr oder weniger unbehelligt blieb, bis es zu spät war, ihn zu stoppen. Neun Wochen dauerte es, bis sich der Regierende Bürgermeister Michael Müller per Brief bei den Angehörigen und Verletzten meldete. Datenschutzgründe hätten ihn gehindert, früher auf die Angehörigen zuzugehen, hieß es. Auf ein Kondolenzschreiben der Bundeskanzlerin warten die Hinterbliebenen bis heute. Auch eine Begegnung mit der Regierungschefin ist nie zustande gekommen.

Am Trauergottesdienst, der unmittelbar nach dem Anschlag in Anwesenheit der Spitzen von Staat und Politik stattfand, konnten die Familien nicht teilnehmen. Die meisten irrten zu dem Zeitpunkt noch auf der Suche nach verlässlichen Informationen über das Schicksal der von ihnen Vermissten durch das kafkaeske Geflecht der Berliner Verwaltung. Das Bundeskriminalamt hatte sich 72 Stunden Zeit für die Identifizierung der Opfer gelassen, wie man einem offenen Brief an die Kanzlerin entnehmen kann, den der SPIEGEL ebenfalls dokumentierte.

Dafür erhielten die Angehörigen zeitnah eine Rechnung der Charité für die Kosten der Leichenschau, zahlbar innerhalb von 30 Tagen. Es gibt Details, die man nicht mehr vergisst, wenn man sie gelesen hat. Dies ist ein solches.

ünf der zwölf Toten waren Ausländer. In Italien nahm der Staatspräsident den Leichnam eines Opfers vom Breitscheidplatz in Empfang, der polnische Staatspräsident kniete vor dem Sarg des in Berlin ermordeten Lkw-Fahrers nieder.

Diese Toten kamen ungelegen

Auch der deutsche Staat kann sich mitfühlend zeigen, wenn er will. Als ein Flugzeug der Germanwings mit 150 Menschen an Bord in den französischen Alpen zerschellte, ordnete die Landesregierung von Nordrhein-Westfalen einen Staatsakt an. Die Bundeskanzlerin sagte am Tag des Unglücks alle Termine ab, der Bundespräsident beendete einen Staatsbesuch in Südamerika, mehrere Minister machten sich auf den Weg, um sich vor Ort “ein Bild zu verschaffen”, wie es hieß. Ich habe die Entscheidung für einen Staatsakt damals falsch gefunden, weil ich der Meinung war, dass man sich solche symbolischen Akte für Momente aufsparen sollte, in denen der Staat wirklich herausgefordert ist. In Berlin war er es und hat vorgezogen zu schweigen.

Eine Erklärung für die Unfähigkeit, auf das Leid angemessen zu reagieren, wäre Behördenchaos. Die zwölf Opfer des Anschlags hatten das Pech, in Berlin zu sterben, wenn man so will. Von einer Stadt, die nicht einmal in der Lage ist, binnen drei Monaten nach der Geburt eines Kindes eine Geburtsurkunde auszustellen, kann man in der Stunde möglicherweise nicht mehr erwarten. Aber die Berliner Unfähigkeit erklärt nicht das Versagen nahezu aller Institutionen.

Man kommt, glaube ich, nicht umhin, einen Zusammenhang zwischen dem offenkundigen Desinteresse und der Natur des Anschlags zu sehen. Wenn ein depressiver Pilot Amok läuft, fragt niemand nach der politischen Verantwortung. Das ist Schicksal, wie man so schön sagt. Bei einem Anschlag liegen die Dinge anders. Hier stellt sich sofort die Frage, ob das, was geschehen ist, auch hätte verhindert werden können. Oder ob man sich an verantwortlicher Stelle Illusionen gemacht hat über die Natur einiger der Leute, die man ins Land ließ. Die Wahrheit ist vielleicht: Diese Toten kommen der Politik einfach ungelegen.

Der unangenehmen Wahrheit ausgewichen

Es ist menschlich durchaus verständlich, wenn man sich einer Begegnung, die man als schwierig empfindet, zu entziehen versucht. Jeder kennt das aus dem Privaten, dass man einer unangenehmen Wahrheit lieber ausweicht als sich ihr zu stellen. Aber so sollte man als Repräsentant des Staates nicht handeln. Und wenn man es doch tut, darf man sich nicht wundern, wenn die Leute das Vertrauen in einen verlieren.

Den kompletten Artikel finden Sie hier

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